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| Durch Amélie über Nacht zum Star geworden:
Audrey Tautou |
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Jean-Pierre Jeunet ist ein Magier, ein moderner Märchenerzähler mit Hang zum
Makabren, der seinen Budenzauber auch in Freak-Shows auf Jahrmärkten um die
Jahrhundertwende hätte vorführen können. 1991 entwarf er in "Delicatessen"
ein marodes Mietshaus als organisches Gewebe, das wie ein Verdauungstrakt
pulsiert, wenn der Metzger mal wieder eine Wohnung wegen Eigenbedarf gekündigt
hat und in seinem Laden dann Frischfleisch - das des ehemaligen Mieters -
anbietet. Vier Jahre später bevölkerte er "Die Stadt der verlorenen
Kinder" mit Zyklopen, Liliputanern, geklonten Sechslingen und einem
Wissenschaftler namens Krank, der wie ein Vampir die Träume von Kindern
anzapft.
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| Filmszene aus "Die fabelhafte Welt der Amélie":
Magie der Phantasie |
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Jeunets Filme leben von purer, praller Phantasie, die auch gespeist werden von
den Überlieferungen der Gebrüder Grimm, gruseligen Gutenachtgeschichten oder
den Phantasmagorien eines Terry Gilliam ("Brazil").
Für "Die fabelhafte Welt der Amélie" hat er nun die Tonart geändert,
geblieben aber ist seine kindliche Lust am Fabulieren mit ebenso erstaunlichem
wie beeindruckendem Einfallsreichtum. Die Mutanten von einst sind jetzt
Alltagszombies und Außenseiter, Einsame und Eigenbrötler, das Groteske und
Morbide ist einer beschwingten Melancholie, warmherzigem Witz und liebenswürdiger
Skurrilität gewichen, von Jeunet mit traumwandlerischer Sicherheit inszeniert
und stilisiert.
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| Auf jeden Topf passt ein Deckel, jeder Mensch
braucht eine Inspiration (Filmszene) |
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"Die fabelhafte Welt der Amélie" ist angesiedelt in Montmartre, dem
Pariser Viertel der Gaukler und Glücksversprechen, wo die von Audrey Tautou berückend
verkörperte Titelheldin in einem Café als Kellnerin arbeitet. Das autistisch
anmutende Mädchen lebt alleine, doch als es hinter einer Kachel im Badezimmer
ihrer Wohnung eine Blechschatulle mit Spielzeug aus den fünfziger Jahren
findet, macht es den einstigen Besitzer ausfindig. Dessen Rührung veranlasst Amélie
fortan ihre Mitmenschen zum ersehnten Glück zu verhelfen, ja auch zu zwingen.
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| Nino (Mathieu Kassovitz) jobbt in einem
Sex-Shop und bei einer Geisterbahn |
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Also verkuppelt sie die hypochondrische Zigarettenverkäuferin Georgette
(Isabelle Nanty) mit Joseph (Dominique Pinon), dem Ex-Freund einer Kollegin, der
jeden Tag am selben Platz eifersüchtig im Bistro hockt. Für eine Nachbarin (Yolande
Moreau) fälscht sie Briefe vom Ehemann, der sie vor drei Jahrzehnten hat sitzen
lassen. Den Gemüsehändler (Urbain Cancelier) treibt sie fast in den Wahnsinn,
weil der ständig seinen trotteligen Gehilfen (Jamel Debbouze) schikaniert. Sie
zerrt sogar einen verängstigten Blinden mit und schildert ihm detailliert die
Umgebung und Geschehnisse.
Jeunet führt hier einen Tanz unfassbarer Kleinigkeiten auf, arrangiert zu
einem komplexen Reigen, der wie eine Kettenreaktion funktioniert. Jede Nuance
ist wichtig, jede Marotte gilt als Metapher, für jede Absurdität findet sich
eine Erklärung, auf jeden Topf passt ein Deckel und jeder Mensch braucht eine
Inspiration. Ihren Vater (Rufus) lockt Amélie aus seinem emotionalen
Schneckenhaus, indem sie seinen Gartenzwerg entwendet und einer Stewardess
mitgibt, die das Stück vor der Freiheitsstatue oder dem Kreml fotografiert und
die Polaroid-Bilder dem alten Mann zuschickt. Und der Greis (Serge Merlin) mit
den Glasknochen, der jedes Jahr eine Kopie von Renoirs "Das Frühstück der
Ruderer" malt, gelingt es erst, den Blick eines Mädchens in der Bildmitte
richtig darzustellen, als Amélie etwas von ihren Gefühlen preisgibt.
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| Jeunets Mutanten von einst sind jetzt
Alltagszombies und Außenseiter |
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Amélie ist wie ein guter Geist oder Katalysator, der Resignation in Euphorie
umwandelt. Ihr eigenes Glück findet sie schließlich mit Nino (Mathieu
Kassovitz), der in einem Sex-Shop und bei einer Geisterbahn jobbt. Es ist Liebe
auf den ersten Blick, doch zunächst sind sie noch hin- und hergerissen: Zu sehr
ähneln ihre Herzen den weggeworfenen Fotos, die Nino vor Passbild-Automaten
aufsammelt und in ein Album klebt.
Die rosigen Farben dieser hinreißend verschrobene Fabel wirken wie
kolorierte Kulissen aus dem Paris der Vorkriegszeit, gleichzeitig aber hat
Jeunet seinen poetischen Realismus auch mit den ästhetischen und
tricktechnischen Kniffen sinnstiftender Reklamespots ausgestattet. So wimmelt es
denn auch vor optimistischen Aphorismen. Amélies fabelhafte Welt ist ein
gigantischer Glückskeks, süß und süchtig machend: Die Spruchweisheiten nimmt
man zwar nicht ernst, man liest sie aber trotzdem immer wieder gerne.
"Die fabelhafte Welt der Amélie" ("Le fabuleux destin d¹Amélie
Poulain"), F/BRD 2001. Regie: Jean Pierre Jeunet; Drehbuch: Guillaume
Laurant, Jean-Pierre Jeunet; Darsteller: Audrey Tautou, Mathieu Kassovitz,
Rufus, Dominique Pinon; Länge: 120 Minuten
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IN SPIEGEL ONLINE
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IM INTERNET
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